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In Freundschaft mit Christus leben –
Teresa von Avila und der Auferstandene

(Grotte im Klostergelände Birkenwerder)

grotte_birkenwerder

„Kommt und seht!“ (Joh. 1, 39) – so schlicht und einfach ruft Jesus seine ersten Jünger zu sich. Johannes der Täufer hatte sie auf ihn, das „Lamm Gottes“ aufmerksam gemacht. Sie folgten ihm bereits, wagten sich aber nicht näher heran. Sie hatten gefunden, was sie suchten, den angekündigten Messias des Gottes Israels. Sie waren am Ziel. Ihr Leben konnte heil werden, sie konnten selbst schauen und erfahren, wo er wohnte, wie er betete und seinem Abba – Gott entgegen lebte. Sie blieben bei ihm und konnten so immer tiefer hineingezogen werden in den Aufbau des Reiches Gottes. Schließlich waren sie erfüllt von der je besonderen Aufgabe, für die sie Jesus berufen hatte. In IHM öffnete sich der Himmel über und in ihrem Leben und zog sie ganz in ihn hinein – und dennoch blieben sie Menschen mit ihren Stärken und Schwächen wie du und ich. So wie Johannes Berufung und Zeugnis der ersten Jünger erzählt, schlicht und doch mit dahinter liegender tieferer Bedeutung, so werden auch heute Christen „in die Nachfolge“ durchaus real berufen – wenn auch nicht in direkter körperlicher Präsenz des Jesus von Nazareth.

Wenn ich nach Birkenwerder komme, um im Exerzitienhaus einen Kurs zu besuchen oder an einer Konferenz teilzunehmen, fühle ich mich jedes Mal von den oben abgelichteten zwei schlichten, symbolhaften Figuren angesprochen, die gleich hinter der schmiedeeisernen Pforte rechts neben der Kapelle im vorderen Teil des Klostergartens sichtbar werden.

Es ist wie eine Begrüßung ohne Worte, ein unhörbares „Hallo“ – ein Empfangenwerden der behutsamen Art. Und ich werde still, weiß dass ich hier der sein darf, der ich eigentlich bin, der mit seinem innersten Inneren in Verbindung steht.

Obwohl ich aus freien Stücken hierher gekommen bin, erlebe ich dieses Ankommen als ein „Herausgerufenwerden aus dem Alltag“, aus den Sorgen und Nöten einer – für jeden von uns irgendwie – „vertrackten“ Existenz, aus einem meistens Zuviel an privaten und beruflichen Pflichten.

Ich betrete „heiligen Boden“ (Ex. 3, 1-5), nicht nur äußerlich etwa, das Gelände des Klosters, sondern gerade und vor allem innerlich, in meiner Seele: Wie sieht es darin aus? Was möchtest du, Herr, Bruder und Freund, der du darin wohnst, mir hier und heute und in diesen Tagen zu hören und zu verstehen geben, gerade auch in meinen ärgsten Bedrängnissen?

Die beiden symbolhaften holzschnittartigen Figuren, die vor mir stehen, sind Teresa von Avila und Jesus. Sie steht links, im Habit der Karmeliten/innen, angedeutet in Braun und Weiß, etwas kleiner, bereit zum Handkontakt, wie um sich führen zu lassen. Er steht rechts daneben, etwas größer, in einem dunklen Grün, der Farbe des Lebens, und reicht ihr die Hand, wie um sie behutsam zu geleiten, ihren Lebensweg zu begleiten – in aller Freiheit versteht sich. Das Besondere dieser Begegnung wird durch den weißen Hintergrund der Aushöhlung unterstrichen. Nichts soll von dieser vertrauten „Zweisamkeit“ ablenken, die fast schon an ein Brautpaar erinnert.

 

 

T. v. Avila (1515 – 1582), Begründerin des Teresianischen  Karmel, erste weibliche Kirchenlehrerin (1970), hat uns nach beinahe zwanzig Jahren im Kloster, in das sie in „knechtischer Furcht“ und aus Angst um ihr Seelenheil eingetreten ist, von ihrer endgültigen Bekehrung (1554) in ihrer „Vida“ ausführlich berichtet. Sie entdeckt in einem Bild, im Mitleiden mit dem „leidenden“ Jesus, dem Christus, den liebenden Gott der alles mit tragenden und erlösenden Barmherzigkeit und geht hinfort konsequent mit ihm durchs Leben. Ihr ganzes Leben, mehr noch ihr Inneres Beten, versteht sie als ein „Verweilen bei einem Freund, mit dem wir oft allein zusammenkommen, einfach um bei ihm zu sein, weil wir sicher wissen, dass er uns liebt.“ (Das Buch meines Lebens, Freiburg 2001, S. 156f.) Noch bevor sie diesen Kernsatz formuliert, zieht sie ein Fazit ihrer Erfahrungen mit dem inneren Beten und schreibt:

„Das Gute, das derjenige erhält, der sich im Beten, ich meine im inneren Beten übt, haben viele Heilige und gute Menschen beschrieben. Gott sei dafür gepriesen! Und wenn es nicht so wäre, so wäre ich, wenn ich auch nicht sehr demütig sein mag, doch nicht so eingebildet, dass ich es wagte, darüber zu reden. Aber über das, was ich aus Erfahrung weiß, kann ich sprechen, und das ist, dass jemand der mit dem inneren Beten begonnen hat, es ja nicht mehr aufgeben soll, mag er noch so viel Schlechtes tun, denn es ist das Heilmittel, durch das er sich wieder bessern kann, während ohne es alles sehr viel schwieriger wird. Und der Böse soll ihn nur nicht dazu verleiten, wie er es mit mir getan hat, es aus Demut zu unterlassen. Er soll daran glauben, dass seine Worte nicht trügen können und dass die Freundschaft wieder geknüpft wird, sofern wir nur ehrlich bereuen und uns dazu entschließen, ihn nicht mehr zu beleidigen, und dass er die Gnaden von neuem erweist, die er vorher erwies, ja manchmal sogar noch viel mehr, wenn unsere Reue das verdient.

Wer aber noch nicht mit dem inneren Beten begonnen hat, den bitte ich um der Liebe des Herrn willen, sich ein so großes Gut doch nicht entgehen zu lassen. Hier gibt es nichts zu verlieren, sondern nur zu gewinnen; denn wenn er auch nicht vorankommen und sich Mühe geben sollte, so vollkommen zu werden, dass er die Wohlgefühle und Wonnen verdient, die Gott solchen Menschen gibt, so wird er doch schon nach einem noch so kleinen Gewinn den Weg zum Himmel erkennen. Und wenn er durchhält, dann hoffe ich auf das Erbarmen Gottes, dass ihn noch nie jemand zum Freund erwählt hat, dem er es nicht vergolten hätte."

Teresa ist vor fast 500 Jahren ihr Leben im Inneren Beten exemplarisch mit dem dreifaltigen Gott gegangen. Sie hat zu ihrer Zeit und seitdem bis heute durch die schonungslose Offenheit und Wahrhaftigkeit ihrer Schriften viele Menschen zu Christus bekehrt und in ihrem Glauben gestärkt. Auch wir heute können mit Jesus Christus, dem Auferstanden – Lebendigen, durchs Leben gehen, ihn – den Verborgen – Gegenwärtigen – in unserem Inneren aufsuchen, uns in ihn / ihn in uns hinein leben, ihn bitten, dass er spürbar in uns Wohnung nimmt und uns Schritt für Schritt und letztlich auf allen Wegen begleitet – nicht nur in Birkenwerder.

Wer innerlich betet, wird die Werke Teresas als authentisch und echt erfahren. Er wird auf jeden Fall eine innere Lockerheit im Umgang mit und zugleich eine innere Festigkeit in den Widrigkeiten des Alltags im Vertrauen auf den Zuspruch des geliebten Bruders und Freundes gewinnen. Im Hinhorchen und Abwarten auf das, was auf uns zukommt, wird er je für sich entdecken, erfahren und schauen, wie ihm das Reich Gottes zu verstehen gegeben wird – und so kann er langsam, manchmal auch in Schüben, auf seinem spirituellen Wege vorankommen.

Wir würden uns freuen, wenn auch in diesem Jahr wieder, möglichst viele von uns den Weg nach Birkenwerder finden und an der einen oder anderen Exerzitien- und Seminarzeit teilnehmen könnten.

birkenwerder

Vortragssaal mit P. Dr. Reinhard Körner OCD in Birkenwerder

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